„Die Menschlichkeit hat in Hütteldorf aufgehört“

Drei Tage nach dem Polizeikessel beim Derby haben wir ein sehr detailliertes Bild des Geschehens. Nach wie vor deutet alles darauf hin, dass es sich dabei um eine geplante Aktion handelte. Die Polizei weist jegliche Kritik von sich und verhöhnt dabei die Betroffenen, von denen sich bereits über 600 bei uns gemeldet haben.

 

Die Polizei trinkt Tee und schenkt den Rapid-Fans ein

 

Eines ist nach drei Tagen und mehreren Stellungnahmen seitens der Polizei evident: Sie sucht händeringend nach Gründen, mit denen sie diesen menschenunwürdigen Einsatz im Nachhinein rechtfertigen kann. Dabei steht sie jedoch vor einem großen Problem: Es gab nicht einmal ansatzweise Ereignisse, die diesen stundenlangen Kessel rechtfertigen könnten.

Wie geht die Staatsgewalt also mit der breiten Kritik an diesem Einsatz um?

Sie beginnt damit, die Öffentlichkeit mit selektiven Informationen zu füttern. In ihrer ersten Aussendung behauptete die Polizei noch, dass zahlreiche Gegenstände, darunter pyrotechnische Gegenstände, Getränkeflaschen und -dosen sowie Schneebälle, auf die Autobahn geworfen worden wären. Einen Tag später schrieb sie in ihrer Stellungnahme nur mehr folgendes: „Um 15:03 Uhr meldete der Einsatzabschnittskommandant per Funk die Wahrnehmung von Bewurf des Fahrzeugverkehrs auf der Süd-Ost-Tangente.“

Warum die ursprüngliche Aufzählung der Gegenstände später nicht mehr so explizit verwendet wurde, erscheint naheliegend: Auf dem veröffentlichten Video erkennt man, wie insgesamt sieben Schneebälle auf die Fahrbahn geworfen wurden. Bereits 34 Sekunden nach dem ersten Schneeball endet das Video – offenbar unmittelbar nach dem letzten Auto, dass die A23 in Richtung Norden passiert hat. Natürlich ist es dumm, Schnee auf eine befahrene Autobahn zu werfen; es wird jedoch zu klären sein, ob Schneebälle den Tatbestand der Gemeingefährdung erfüllen.

Doch selbst wenn Sachen auf die Autobahn geworfen wurden, rechtfertigt ein Fehlverhalten Einzelner jedenfalls nicht den kollektiven, stundenlangen Freiheitsentzug von über 1.300 Menschen. Vielmehr wird zu untersuchen sein, ob die Autobahnsperre tatsächlich die Folge dieser Schneebälle war oder diese nicht ohnedies wie üblich planmäßig, jedoch eine Minute zu spät, durchgeführt wurde. Außerdem wird die Exekutive erklären müssen, warum der Bereich der Laaerberg-Brücke bei früheren Begegnungen mit Trettgittern verengt war, um den Marsch auf Distanz zur Autobahn zu halten und das dieses Mal nicht der Fall war. Immerhin standen diese Absperrgitter auch am Sonntag auf einem angrenzenden Supermarktparkplatz bereit und wurden bloß nicht aufgebaut. Die Polizei hat jahrelange Erfahrung mit dieser Problemstelle und trotzdem gab sie diese Route vor. Besonders grotesk ist zudem, dass Menschen, die gar nicht mit dem Pulk anreisten, in den bereits aufgezogenen Kessel geschickt wurden, ohne ihnen zu sagen, was ihnen die nächsten Stunden blüht.

 

Gemeingefährdung für über 1.300 Rapidler

Völlig absurd wird die Geschichte allerdings, wenn man sich anschaut, was die Polizei als Reaktion auf den Bewurf der Fahrbahn macht: Sie sperrt den gesamten Pulk der Fans auf dem schmalen Trampelpfad ein und lässt diese stundenlang direkt oberhalb der befahrenen Südosttangente stehen. Damit zieht sie zum einen die Gefährdung der Autofahrer unnötig in die Länge und zum anderen nimmt sie im Falle einer Massenpanik eine Katastrophe in Kauf.

Warum dieser rutschige Weg nach dem Umbau des Horr-Stadions immer noch der Zugangsweg zum Stadion ist, müssen andere erklären. Die Rechtshilfe Rapid hat sich auch nach dem Polizeikessel vor Ort umgesehen. Wir kommen nach dieser Begehung zum Schluss, dass dieser Zugangsweg mit seinen Gegebenheiten nie zugelassen werden hätte dürfen. Es handelt sich um keinen befestigten Weg und der teils abschüssige Pfad ist selbst ohne Schnee eine Gefahr für die Besucher – von Barrierefreiheit gar nicht erst zu sprechen. Richtig problematisch wird es allerdings noch aus anderen Gründen: Der Weg ist auf einer Seite lediglich durch ein genau ein Meter hohes Geländer begrenzt. Daneben geht es zwischen 8 und 9,6 Meter in die Tiefe. Eine Geländerhöhe von einem Meter entspricht exakt der Mindestanforderung der Bauvorschriften. Diese sind allerdings keinesfalls für größere Menschenansammlungen in Extremsituationen gedacht, in denen die Gefahr von Panik und Gedränge besteht. Den Durchmarsch in diesem Bereich, dessen schmalste Stelle nur 4,2 Meter breit ist, zu verzögern und die Fans dort letztendlich sogar stundenlang auf engsten Raum einzukesseln, ist ein Skandal! Die Polizeiführung hat mit ihrem Handeln Tote in Kauf genommen.

 

Fans ohne Würde und Rechte

Die ausführenden Beamten hatten vor Ort keinerlei Verständnis für Beschwerden der Rapid-Fans. Auf den Hinweis, dass dieser Polizeikessel völlig unmenschlich sei bekamen viele die selbe Antwort: „Die Menschlichkeit hat in Hütteldorf aufgehört“. Den Sprechern der Polizei ist auch Tage danach noch immer kein Wort der Entschuldigung über die Lippen gekommen. Über 1.300 Personen wurden daran gehindert, ein Spiel zu besuchen, für das sie vorab Eintritt bezahlt haben. Doch der Polizei ist es noch nicht genug: Sie tritt mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit noch einmal hinterher und nimmt ihnen selbst im Nachhinein noch jegliche Würde.

Für Menschen im Kessel stellte die Situation neben der physischen Qual auch eine große psychische Belastung dar. Erst nachdem man bereits knapp eine Stunde auf engsten Raum stand, gab es die erste Lautsprecherdurchsage der Polizei. Diese erfolgte allerdings von der gegenüberliegenden Seite der stark befahrenen Südosttangente und war für den Großteil der Eingekesselten nicht hörbar. Die Rapidler waren über die gesamte Dauer des Polizeikessels in jeder Hinsicht völlig auf sich gestellt. Jegliche Versorgung von außerhalb wurde von der Exekutive unterbunden. Anders als immer noch behauptet, gab es von der Polizei weder Wasser oder Tee, noch bekam man die Möglichkeit auf die Toilette zu gehen.

Wir sind stolz darauf, wie solidarisch die Leute aufeinander geachtet und Selbsthilfe geleistet haben. Betroffene litten an Unterkühlung, Schmerzen im Stütz- und Bewegungsapparat, Kollaps, Unterzuckerung, Panikattacken und akuten psychischen Belastungsreaktionen. Viele sind in Folge der Tortur nun erkrankt und müssen die bevorstehenden Feiertage im Bett verbringen.

Gerhard Pürstl lässt hingegen jegliche Empathie vermissen:

 

Ich weiß schon, es gibt viele, die fühlen sich jetzt als Betroffene. Die haben sehr subjektive Wahrnehmungen und die machen jetzt natürlich alles, um ihr Situation als besonders dramatisch darzustellen. Wenn man sich die Berichte anschaut, hat man ja heute nur mehr den Eindruck als wären ausschließlich Frauen, Kinder, Gebrechliche oder Kranke dort drinnen gewesen“.

 

Wir haben uns nach reichlicher Überlegung dazu entschlossen, auf individuelle Geschichten zum Schutz der Betroffenen nicht mehr im Detail einzugehen. Uns erreichen sehr viele erschütternde Berichte, die es wert wären erzählt zu werden. Diese werden in Absprache mit den einzelnen Personen in einer juristischen Aufarbeitung sicherlich thematisiert. Die Rechtshilfe Rapid wird diese Fälle ganz besonders vorantreiben. Allerdings haben es sich weder Schwangere, noch Kranke oder Menschen mit besonderen Bedürfnissen verdient, im Nachgang dieser Qual auch noch in der Öffentlichkeit diffamiert zu werden, weil sie in ein Fußballstadion gehen wollten.

 

Die Kriegsberichterstattung der LPD Wien

Angesichts der dürftigen Argumente tritt die Wiener Polizei die Flucht nach vorne an. Sie verwendet in ihrer Öffentlichkeitsarbeit unpräzise, übertriebene Begrifflichkeiten. Diese sollen ein unmittelbares Gefährdungspotential suggerieren. Beispielsweise schreibt sie in einer Presseaussendung von einer „Rauchgranate polnischen Fabrikats, die grundsätzlich nur für militärische Zwecke verwendet wird“. Was die Öffentlichkeit mit einer Militärgranate verbindet ist klar: Explosion und Zerstörung. Sie belegt ihre Behauptung mit dem Bild einer Rauchfackel, die sie neben anderen pyrotechnischen Gegenständen nach Ende des Einsatzes offensichtlich aus dem schlammigen Boden des Trampelpfades aufgehoben hat. Wie wir in Erfahrung bringen konnten, handelt es sich beim dokumentierten polnischen Pyroartikel um eine Rauchfackel, die in der Hand gehalten werden kann. Dessen Effekt ist ein optischer: Es strömt aus beiden Enden intensiver weißer Rauch aus. Dennoch sind pyrotechnische Gegenstände ohne Ausnahmegenehmigung im örtlichen, zeitlichen und sachlichen Zusammenhang mit Fußballgroßveranstaltungen verboten. Das Problem hierbei liegt allerdings im Detail: Der skandalisierte Gegenstand erzeugt weder einen Knall, noch explodiert etwas. Landespolizeipräsident Pürstl setzt dem Ganzen die Krone auf, wenn er über die aufgesammelte Pyrotechnik spricht: „Nicht auszudenken, wenn das ins Stadion kommt und dort in der Menge eingesetzt wird. Dann brennt das Stadion, dann haben wir Schwerverletzte – vielleicht wenn wir Pech haben Tote.“ Damit ignoriert er einmal mehr die Realität in österreichischen Stadien. Egal wie man dazu steht: Es sollte auch von der Polizei die Tatsache gewürdigt werden, dass es bei kontrollierter Verwendung keine Verletzungen zu beklagen gibt.

Selbst die Kronen Zeitung, ein Medium, das für ihre Loyalität gegenüber der Polizei bekannt ist, kommt nicht umher, diesen Polizeieinsatz kritisch zu hinterfragen. Im Interview mit Krone.tv sieht Pürstl die Schuld für den stundenlangen Polizeikessel ausschließlich bei den Fans. Diese hätten stundenlang gegen die Identitätsfeststellungen opponiert und sich geweigert mitzuwirken. Manche hätten es aber auch schwer gehabt, „weil sie von den Rädelsführern unter den Fans geradezu ermuntert worden sind, nicht mitzuwirken und im Kessel zu bleiben.“ Für Betroffene klingen die Erläuterungen des obersten Wiener Polizisten wie eine riesengroße Verarschung.

Auf den mehr als fragwürdigen Ort der Amtshandlung angesprochen meint Pürstl, die Polizei könne „sich den Ort der Amtshandlung nicht aussuchen“. Auch dieser Satz ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten, denn klarerweise wählt niemand anderer als die Polizei den Ort von Amtshandlungen, und ganz besonders den eines solchen Kessels. Immerhin wäre es ein Leichtes gewesen, die Fans 50-100 Meter weiter vorne anzuhalten – außerhalb des Gefahrenbereichs direkt über der Autobahn.

 

Die Kontrolle der Staatsgewalt

Wir appellieren einmal mehr an sämtliche Medien, Polizeimeldungen nicht ungeprüft zu übernehmen. Wenn wir mitansehen müssen, wie Qualitätsmedien ganze Pressemitteilungen eins zu eins übernehmen, obwohl es hunderte Zeugen gibt, die vieles davon als Lüge entlarven können, dann sollten auch diese ihre Arbeit schleunigst evaluieren.

Und wenn bürgerliche Medien eine noch so schlimme Aversion gegenüber den „Fußball-Proleten“ haben: Es ist ihre verdammte Pflicht genau hinzuschauen, wenn über 1.300 Menschen sieben Stunden lang auf engsten Raum zusammengepfercht in der Kälte stehen müssen.

Dieser Derbykessel war viel mehr als eine neue Eskalationsstufe der Repression gegenüber Fußballfans. Er ist nicht mit dem Spannungsverhältnis zwischen Polizei und organisierter Fanszene zu erklären. Diese Machtdemonstration war ein Angriff auf die Grundwerte der österreichischen Gesellschaft. Spätestens dann, wenn diese von der Polizei auch noch als verhältnismäßig angesehen wird, sollten bei jedem überzeugten Demokraten die Alarmglocken läuten.

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