Information für Betroffene und Danke für eure Spenden

Wir bedanken uns bei den vielen Menschen, die uns seit dem vergangenen Derby Spenden überwiesen haben. Es überwältigt uns, wie großzügig ihr unsere Arbeit unterstützt. Diese Spendenbereitschaft ist nicht selbstverständlich. Ihr helft uns damit sehr.

 

Die knapp 700 Betroffenen, die sich bislang bei uns gemeldet haben, wurden heute per E-Mail von uns kontaktiert. Wir haben dabei versucht, die meisten Fragen zu beantworten, die ihr an uns gerichtet habt. Außerdem findet ihr in dem Schreiben auch die Einladung für die Infoveranstaltung, die es Anfang Jänner für alle Betroffenen gibt.

Schaut sicherheitshalber auch in euren Spamordner und informiert Rapidler, die mit euch eingekesselt waren, falls sie uns noch nicht geschrieben haben. Ansonsten bitten wir euch nochmals darum, davon abzusehen, Informationen aus der E-Mail zu veröffentlichen. 

Wir wünschen euch erholsame Feiertage.

 

Information für die Betroffenen des Polizeikessels

 Es fragen sehr viele Leute bei uns nach, was nun weiter geschehen wird und wie die weitere Vorgehensweise sein wird. Leider können wir den Arbeitsaufwand aktuell nicht in kurzer Zeit bewältigen. Bitte habt Verständnis, dass wir eure vielen Anfragen bislang noch nicht beantwortet haben.

Ihr könnt uns vertrauen, dass wir - abgesehen von einer umfangreichen Medienarbeit - auch im Hintergrund mit vollem Einsatz arbeiten und alle weiteren juristischen Schritte bestmöglich vorbereiten. Außerdem versuchen wir die parlamentarische Aufarbeitung bestmöglich zu unterstützen und sind auch mit der Volksanwaltschaft im Austausch.

Wir planen für die ersten beiden Wochen des neuen Jahres eine Informationsveranstaltung, bei der wir all eure Fragen beantworten werden. Den Termin dafür werden wir so bald wie möglich bekannt geben.

Wir wünschen euch bereits jetzt erholsame Feiertage und den vielen Erkrankten unter euch eine rasche Genesung.

 

 

Stellungnahme der Rechtshilfe Rapid zum Derbykessel

Die Wiener Polizei hinderte gestern 1.338 Rapidlern am Stadionbesuch. Der Einsatz setzt einen neuen Tiefpunkt im Umgang mit Fußballfans und tritt Menschenrechte mit Füssen. Der Bericht eines stundenlangen Martyriums.

 

 

Das 328. Wiener Derby war ein Geschichtsträchtiges. Die Peinigung auf dem Rasen ist dabei jedoch völlig nebensächlich. Die kollektive Demütigung, die den anreisenden Rapid-Fans von der Polizei angetan wurde, ist der größte Polizeiskandal in einer langen Liste von Ungeheuerlichkeiten gegenüber Fußballfans. Ein derart langer Freiheitsentzug einer derart großen Menschenmenge ist einzigartig. Doch wie kam es dazu, dass so viele Rapidler unschuldig bei eisigen Temperaturen wie Vieh behandelt wurden?

 

Allseits bekanntes Nadelöhr

Die meistbefahrene Autobahn Österreichs war gesperrt, als der Marsch den schneebedeckten, schmalen Trampelpfad oberhalb der Südosttangente entlang ging. Alles andere wäre seitens der Polizei grob fahrlässig gewesen. Es ist zudem seit Jahren gelebte Praxis, dass der Streckenabschnitt gesperrt wird, bis die Fans diesen Risikobereich kurz vor dem Stadion passiert haben. Vielmehr stellt sich die Frage, warum diese erst kurz nach dem Eintreffen der Fans auf der Autobahnbrücke gesperrt wurde und nicht bereits davor.

Dieser Weg, der oberhalb der Südosttangente vorbeiführt, ist rutschig und eng. Nur ein niedriger Zaun schützt die Menschen davor in die Tiefe zu stürzen. Er ist völlig ungeeignet für eine Anreise von über tausend Menschen. Diese Problemstelle war allgemein bekannt und wird seit Jahren von Fans kritisiert.

Der Einsatzleitung war all das bekannt. Sie setzte dem noch eins drauf und stoppte den Marsch genau dort, obwohl der Bereich wenige Meter weiter vorne deutlich besser dafür geeignet gewesen wäre. Eine mögliche Eskalation wurde bewusst in Kauf genommen oder gar gewünscht. Mit Pfefferspray im Anschlag positionierte sich die Polizei vor und hinter diesem Weg, der auf der einen Seite von einer hohen Wand eines Betriebsgebäudes begrenzt ist und an der anderen Seite meterweit in die Tiefe geht. Es ist der besonnenen Reaktion der Rapidler zu verdanken, dass diese brandgefährliche Situation nicht in einer Tragödie endete.

 

Fragwürdige Rechtfertigung

 Die Polizei begründete den Kessel damit, dass Schneebälle, Getränkedosen, Flaschen und pyrotechnische Gegenstände auf die Autobahn geworfen worden wären. Wir haben Videoaufnahmen vom Corteo gesichtet und darauf ist lediglich zu erkennen, dass einige Schneebälle in Richtung Autobahn geworfen wurden. Dosen, Flaschen oder Pyrotechnik sind darauf nicht zu sehen und konnten von uns auch vor Ort nicht wahrgenommen werden. Auch auf den Hubschraubervideoaufnahmen, die von der LPD Wien selbst veröffentlicht wurden, ist lediglich zu sehen, wie - bevor der Marsch den Trampelpfad erreicht hat - Schnee von der Brücke aus auf die Fahrbahn geworfen wird. Dass dieses kindliche Verhalten nicht sonderlich intelligent ist, liegt auf der Hand. Inwiefern ein paar geworfene Schneebälle dafür geeignet sind, einen derart folgenschweren Einsatz auszulösen, ist jedoch fraglich. Es ist geradezu hanebüchen, die Fans in genau diesem Gefahrenbereich festzusetzen und sie stundenlang oberhalb der Autobahn einzusperren - und das bei fließenden Verkehr.

Alles deutet darauf hin, dass dieses skandalöse Vorgehen von langer Hand geplant war. Die Polizei hatte zu keinem Zeitpunkt vor, die Fans bis zum Stadion zu lassen. Erste Andeutungen dazu gab es bereits bei der Sicherheitsbesprechung. Diverse Wortmeldungen gegenüber Rapidlern am Reumannplatz ließen ebenfalls bereits Böses erahnen. Zudem haben die Erfahrungen anderer Fanszenen in den letzten Monaten bereits gezeigt, wie die Wiener Polizei unter der aktuellen Regierung mit Auswärtsfans umzugehen pflegt.

 

Freiluftgefängnis Laaer Berg

Es dauerte fast sieben Stunden, bis die letzten Menschen wieder frei gelassen wurden. Sieben Stunden in bitterer Kälte, ohne die Möglichkeit auf eine Toilette zu gehen, oder etwas zu trinken. Nierenkranke waren ebenso eingesperrt wie insulinpflichtige Menschen, die keinen Zugang zu ihrer Medizin hatten. Frauen, die Polizisten angefleht hatten, dass man sie doch bitte auf die Toilette lassen solle, wurde gesagt, sie könnten sich ja neben die Wand hocken. Das rücksichtslose Verhalten der Beamten traf alle gleichermaßen - egal ob jung oder alt, ob schwanger oder in Begleitung von Kindern.

Je länger das Martyrium dauerte, desto angespannter wurde die Situation. Menschen brachen aufgrund der Kälte zusammen und mussten aus dem Polizeikessel getragen werden.

Gleichzeitig wurde die Rettung, die von Betroffenen gerufen wurde, von der Polizei wieder weggeschickt. Diese behauptete, es handle sich dabei um Fehlmeldungen und die Fans würden ohnehin von Polizeisanitätern versorgt werden. Der nach Stunden eingetroffene Katastrophenzug der Rettung fuhr nach wenigen Minuten wieder weg, da die Polizei bekannt gab, dass kein Bedarf für ihn bestünde. Wie viele Personen letztendlich von Rettungskräften versorgt oder abtransportiert wurden, können wir nicht sagen, da AktivistInnen der Rechtshilfe die Beobachtung immer wieder untersagt wurde und man uns mit Festnahmen gedroht hat.

 

Skandalöser Einsatz ohne kritische Öffentlichkeit

Eine kritische Beobachtung des Einsatzes war seitens der Polizei während der gesamten Dauer unerwünscht. Die Ablehnung traf Medienvertreter ebenso wie solidarische Menschen, die versuchten den Eingekesselten heiße Getränke zu bringen. Gemeinsam mit dem Klubservice des SK Rapid konnte erst gegen Ende an einige wenige Rapidler notdürftig etwas Tee verteilt werden.

Die Polizeibilanz nach diesen sieben Stunden Freiheitsentzug liest sich wie eine weitere Verhöhnung für die Betroffenen: Eine Anzeige wegen vorsätzlicher Gemeingefährdung und eine verwaltungsrechtliche Festnahme. Dabei hatte die Polizei bereits um 16:07 bekannt gegeben, dass die Tatverdächtigen teilweise ausgeforscht worden waren. Wie die LPD Wien in ihrer Presseaussendung schreibt, waren ihr „einige Tatverdächtigen bereits von früheren Amtshandlungen namentlich bekannt“. Warum man dennoch 1.338 Fans dieser stundenlangen Folter aussetzte, um die ohnehin bereits bekannte Identität der Täter festzustellen, erscheint damit noch absurder.

Dieser Polizeikessel war ein Angriff auf die Rapid-Familie. Doch selbst wenn man mit Fußball und Fankultur nichts anfangen kann, muss dieser entmenschlichende Umgang gegenüber Fans eine Warnung für die gesamte österreichische Zivilgesellschaft sein. Ein derartiger Polizeieinsatz darf in einem Rechtsstaat niemals passieren. Dieses Vorgehen muss Konsequenzen haben und wird unserseits sicherlich nicht einfach so hingenommen werden.

Abschließend möchten wir uns bei allen Rapid-Fans bedanken, wie großartig sie diese Peinigung ertragen haben und eine Katastrophe verhindert haben. Wir sind nicht nur im klirrend kalten Polizeikessel näher zusammengerückt, sondern auch als grün-weiße Gemeinschaft. Dieser Zusammenhalt zeichnet uns seit bald 120 Jahren aus. Lasst uns diesen auch in Zukunft voller Stolz im Stadion zeigen!

 

 

 

 

„Die Menschlichkeit hat in Hütteldorf aufgehört“

Drei Tage nach dem Polizeikessel beim Derby haben wir ein sehr detailliertes Bild des Geschehens. Nach wie vor deutet alles darauf hin, dass es sich dabei um eine geplante Aktion handelte. Die Polizei weist jegliche Kritik von sich und verhöhnt dabei die Betroffenen, von denen sich bereits über 600 bei uns gemeldet haben.

 

Die Polizei trinkt Tee und schenkt den Rapid-Fans ein

 

Eines ist nach drei Tagen und mehreren Stellungnahmen seitens der Polizei evident: Sie sucht händeringend nach Gründen, mit denen sie diesen menschenunwürdigen Einsatz im Nachhinein rechtfertigen kann. Dabei steht sie jedoch vor einem großen Problem: Es gab nicht einmal ansatzweise Ereignisse, die diesen stundenlangen Kessel rechtfertigen könnten.

Wie geht die Staatsgewalt also mit der breiten Kritik an diesem Einsatz um?

Sie beginnt damit, die Öffentlichkeit mit selektiven Informationen zu füttern. In ihrer ersten Aussendung behauptete die Polizei noch, dass zahlreiche Gegenstände, darunter pyrotechnische Gegenstände, Getränkeflaschen und -dosen sowie Schneebälle, auf die Autobahn geworfen worden wären. Einen Tag später schrieb sie in ihrer Stellungnahme nur mehr folgendes: „Um 15:03 Uhr meldete der Einsatzabschnittskommandant per Funk die Wahrnehmung von Bewurf des Fahrzeugverkehrs auf der Süd-Ost-Tangente.“

Warum die ursprüngliche Aufzählung der Gegenstände später nicht mehr so explizit verwendet wurde, erscheint naheliegend: Auf dem veröffentlichten Video erkennt man, wie insgesamt sieben Schneebälle auf die Fahrbahn geworfen wurden. Bereits 34 Sekunden nach dem ersten Schneeball endet das Video – offenbar unmittelbar nach dem letzten Auto, dass die A23 in Richtung Norden passiert hat. Natürlich ist es dumm, Schnee auf eine befahrene Autobahn zu werfen; es wird jedoch zu klären sein, ob Schneebälle den Tatbestand der Gemeingefährdung erfüllen.

Doch selbst wenn Sachen auf die Autobahn geworfen wurden, rechtfertigt ein Fehlverhalten Einzelner jedenfalls nicht den kollektiven, stundenlangen Freiheitsentzug von über 1.300 Menschen. Vielmehr wird zu untersuchen sein, ob die Autobahnsperre tatsächlich die Folge dieser Schneebälle war oder diese nicht ohnedies wie üblich planmäßig, jedoch eine Minute zu spät, durchgeführt wurde. Außerdem wird die Exekutive erklären müssen, warum der Bereich der Laaerberg-Brücke bei früheren Begegnungen mit Trettgittern verengt war, um den Marsch auf Distanz zur Autobahn zu halten und das dieses Mal nicht der Fall war. Immerhin standen diese Absperrgitter auch am Sonntag auf einem angrenzenden Supermarktparkplatz bereit und wurden bloß nicht aufgebaut. Die Polizei hat jahrelange Erfahrung mit dieser Problemstelle und trotzdem gab sie diese Route vor. Besonders grotesk ist zudem, dass Menschen, die gar nicht mit dem Pulk anreisten, in den bereits aufgezogenen Kessel geschickt wurden, ohne ihnen zu sagen, was ihnen die nächsten Stunden blüht.

 

Gemeingefährdung für über 1.300 Rapidler

Völlig absurd wird die Geschichte allerdings, wenn man sich anschaut, was die Polizei als Reaktion auf den Bewurf der Fahrbahn macht: Sie sperrt den gesamten Pulk der Fans auf dem schmalen Trampelpfad ein und lässt diese stundenlang direkt oberhalb der befahrenen Südosttangente stehen. Damit zieht sie zum einen die Gefährdung der Autofahrer unnötig in die Länge und zum anderen nimmt sie im Falle einer Massenpanik eine Katastrophe in Kauf.

Warum dieser rutschige Weg nach dem Umbau des Horr-Stadions immer noch der Zugangsweg zum Stadion ist, müssen andere erklären. Die Rechtshilfe Rapid hat sich auch nach dem Polizeikessel vor Ort umgesehen. Wir kommen nach dieser Begehung zum Schluss, dass dieser Zugangsweg mit seinen Gegebenheiten nie zugelassen werden hätte dürfen. Es handelt sich um keinen befestigten Weg und der teils abschüssige Pfad ist selbst ohne Schnee eine Gefahr für die Besucher – von Barrierefreiheit gar nicht erst zu sprechen. Richtig problematisch wird es allerdings noch aus anderen Gründen: Der Weg ist auf einer Seite lediglich durch ein genau ein Meter hohes Geländer begrenzt. Daneben geht es zwischen 8 und 9,6 Meter in die Tiefe. Eine Geländerhöhe von einem Meter entspricht exakt der Mindestanforderung der Bauvorschriften. Diese sind allerdings keinesfalls für größere Menschenansammlungen in Extremsituationen gedacht, in denen die Gefahr von Panik und Gedränge besteht. Den Durchmarsch in diesem Bereich, dessen schmalste Stelle nur 4,2 Meter breit ist, zu verzögern und die Fans dort letztendlich sogar stundenlang auf engsten Raum einzukesseln, ist ein Skandal! Die Polizeiführung hat mit ihrem Handeln Tote in Kauf genommen.

 

Fans ohne Würde und Rechte

Die ausführenden Beamten hatten vor Ort keinerlei Verständnis für Beschwerden der Rapid-Fans. Auf den Hinweis, dass dieser Polizeikessel völlig unmenschlich sei bekamen viele die selbe Antwort: „Die Menschlichkeit hat in Hütteldorf aufgehört“. Den Sprechern der Polizei ist auch Tage danach noch immer kein Wort der Entschuldigung über die Lippen gekommen. Über 1.300 Personen wurden daran gehindert, ein Spiel zu besuchen, für das sie vorab Eintritt bezahlt haben. Doch der Polizei ist es noch nicht genug: Sie tritt mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit noch einmal hinterher und nimmt ihnen selbst im Nachhinein noch jegliche Würde.

Für Menschen im Kessel stellte die Situation neben der physischen Qual auch eine große psychische Belastung dar. Erst nachdem man bereits knapp eine Stunde auf engsten Raum stand, gab es die erste Lautsprecherdurchsage der Polizei. Diese erfolgte allerdings von der gegenüberliegenden Seite der stark befahrenen Südosttangente und war für den Großteil der Eingekesselten nicht hörbar. Die Rapidler waren über die gesamte Dauer des Polizeikessels in jeder Hinsicht völlig auf sich gestellt. Jegliche Versorgung von außerhalb wurde von der Exekutive unterbunden. Anders als immer noch behauptet, gab es von der Polizei weder Wasser oder Tee, noch bekam man die Möglichkeit auf die Toilette zu gehen.

Wir sind stolz darauf, wie solidarisch die Leute aufeinander geachtet und Selbsthilfe geleistet haben. Betroffene litten an Unterkühlung, Schmerzen im Stütz- und Bewegungsapparat, Kollaps, Unterzuckerung, Panikattacken und akuten psychischen Belastungsreaktionen. Viele sind in Folge der Tortur nun erkrankt und müssen die bevorstehenden Feiertage im Bett verbringen.

Gerhard Pürstl lässt hingegen jegliche Empathie vermissen:

 

Ich weiß schon, es gibt viele, die fühlen sich jetzt als Betroffene. Die haben sehr subjektive Wahrnehmungen und die machen jetzt natürlich alles, um ihr Situation als besonders dramatisch darzustellen. Wenn man sich die Berichte anschaut, hat man ja heute nur mehr den Eindruck als wären ausschließlich Frauen, Kinder, Gebrechliche oder Kranke dort drinnen gewesen“.

 

Wir haben uns nach reichlicher Überlegung dazu entschlossen, auf individuelle Geschichten zum Schutz der Betroffenen nicht mehr im Detail einzugehen. Uns erreichen sehr viele erschütternde Berichte, die es wert wären erzählt zu werden. Diese werden in Absprache mit den einzelnen Personen in einer juristischen Aufarbeitung sicherlich thematisiert. Die Rechtshilfe Rapid wird diese Fälle ganz besonders vorantreiben. Allerdings haben es sich weder Schwangere, noch Kranke oder Menschen mit besonderen Bedürfnissen verdient, im Nachgang dieser Qual auch noch in der Öffentlichkeit diffamiert zu werden, weil sie in ein Fußballstadion gehen wollten.

 

Die Kriegsberichterstattung der LPD Wien

Angesichts der dürftigen Argumente tritt die Wiener Polizei die Flucht nach vorne an. Sie verwendet in ihrer Öffentlichkeitsarbeit unpräzise, übertriebene Begrifflichkeiten. Diese sollen ein unmittelbares Gefährdungspotential suggerieren. Beispielsweise schreibt sie in einer Presseaussendung von einer „Rauchgranate polnischen Fabrikats, die grundsätzlich nur für militärische Zwecke verwendet wird“. Was die Öffentlichkeit mit einer Militärgranate verbindet ist klar: Explosion und Zerstörung. Sie belegt ihre Behauptung mit dem Bild einer Rauchfackel, die sie neben anderen pyrotechnischen Gegenständen nach Ende des Einsatzes offensichtlich aus dem schlammigen Boden des Trampelpfades aufgehoben hat. Wie wir in Erfahrung bringen konnten, handelt es sich beim dokumentierten polnischen Pyroartikel um eine Rauchfackel, die in der Hand gehalten werden kann. Dessen Effekt ist ein optischer: Es strömt aus beiden Enden intensiver weißer Rauch aus. Dennoch sind pyrotechnische Gegenstände ohne Ausnahmegenehmigung im örtlichen, zeitlichen und sachlichen Zusammenhang mit Fußballgroßveranstaltungen verboten. Das Problem hierbei liegt allerdings im Detail: Der skandalisierte Gegenstand erzeugt weder einen Knall, noch explodiert etwas. Landespolizeipräsident Pürstl setzt dem Ganzen die Krone auf, wenn er über die aufgesammelte Pyrotechnik spricht: „Nicht auszudenken, wenn das ins Stadion kommt und dort in der Menge eingesetzt wird. Dann brennt das Stadion, dann haben wir Schwerverletzte – vielleicht wenn wir Pech haben Tote.“ Damit ignoriert er einmal mehr die Realität in österreichischen Stadien. Egal wie man dazu steht: Es sollte auch von der Polizei die Tatsache gewürdigt werden, dass es bei kontrollierter Verwendung keine Verletzungen zu beklagen gibt.

Selbst die Kronen Zeitung, ein Medium, das für ihre Loyalität gegenüber der Polizei bekannt ist, kommt nicht umher, diesen Polizeieinsatz kritisch zu hinterfragen. Im Interview mit Krone.tv sieht Pürstl die Schuld für den stundenlangen Polizeikessel ausschließlich bei den Fans. Diese hätten stundenlang gegen die Identitätsfeststellungen opponiert und sich geweigert mitzuwirken. Manche hätten es aber auch schwer gehabt, „weil sie von den Rädelsführern unter den Fans geradezu ermuntert worden sind, nicht mitzuwirken und im Kessel zu bleiben.“ Für Betroffene klingen die Erläuterungen des obersten Wiener Polizisten wie eine riesengroße Verarschung.

Auf den mehr als fragwürdigen Ort der Amtshandlung angesprochen meint Pürstl, die Polizei könne „sich den Ort der Amtshandlung nicht aussuchen“. Auch dieser Satz ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten, denn klarerweise wählt niemand anderer als die Polizei den Ort von Amtshandlungen, und ganz besonders den eines solchen Kessels. Immerhin wäre es ein Leichtes gewesen, die Fans 50-100 Meter weiter vorne anzuhalten – außerhalb des Gefahrenbereichs direkt über der Autobahn.

 

Die Kontrolle der Staatsgewalt

Wir appellieren einmal mehr an sämtliche Medien, Polizeimeldungen nicht ungeprüft zu übernehmen. Wenn wir mitansehen müssen, wie Qualitätsmedien ganze Pressemitteilungen eins zu eins übernehmen, obwohl es hunderte Zeugen gibt, die vieles davon als Lüge entlarven können, dann sollten auch diese ihre Arbeit schleunigst evaluieren.

Und wenn bürgerliche Medien eine noch so schlimme Aversion gegenüber den „Fußball-Proleten“ haben: Es ist ihre verdammte Pflicht genau hinzuschauen, wenn über 1.300 Menschen sieben Stunden lang auf engsten Raum zusammengepfercht in der Kälte stehen müssen.

Dieser Derbykessel war viel mehr als eine neue Eskalationsstufe der Repression gegenüber Fußballfans. Er ist nicht mit dem Spannungsverhältnis zwischen Polizei und organisierter Fanszene zu erklären. Diese Machtdemonstration war ein Angriff auf die Grundwerte der österreichischen Gesellschaft. Spätestens dann, wenn diese von der Polizei auch noch als verhältnismäßig angesehen wird, sollten bei jedem überzeugten Demokraten die Alarmglocken läuten.

Aufruf an alle Betroffenen vom gestrigen Polizeikessel

Das gestrige Vorgehen der Polizei war völlig unverhältnismässig und ein gezielter Angriff auf die Rapid-Familie. Die Rechtshilfe Rapid wird alles daran setzen, dass dieser Polizeieinsatz juristisch und politisch aufgearbeitet wird. Wir werden gemeinsam mit unseren Anwälten gegen diesen Wahnsinn vorgehen.

 

Derzeit klären wir ab, welche rechtliche Möglichkeiten bestehen und müssen in Ruhe abwägen, welche davon am aussichtsreichsten sind. Dafür brauchen wir eure Mithilfe.

Damit wir wissen, wer betroffen war, bitten wir euch uns folgende Angaben zu machen.

Name:

Adresse:

Telefonnummer:

E-Mail:

Dauer des Freiheitsentzugs (von wann bis wann wart ihr im Kessel):

Was hat die Polizei euch gegenüber gesagt:

Schickt uns die Angaben bitte mit dem Betreff „Daten Derbykessel“ an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! .

 

Solltet ihr verletzt worden sein oder wenn ihr medizinisch versorgt werden musstet, schreibt uns das bitte ebenfalls. Schwangere, Menschen mit Kindern und Leute, die Medikamente gebraucht hätten und diese verweigert wurden, schildern uns ihre Situation bitte ausführlicher.

 

Allen anderen Betroffenen bitten wir derzeit darum, davon abzusehen, längere Texte an uns zu schicken und nur die wichtigsten Infos zu übermitteln. Angesichts des gestrigen Ausmaßes können wir derzeit nicht auf jeden einzeln eingehen. Die Ressourcen unserer ehrenamtlichen Arbeit sind beschränkt und wir müssen aktuell Prioritäten setzen. Bitte verzeiht uns daher, wenn wir euch nicht gleich antworten.

Wir werden in den nächsten Tagen auch einen Termin für eine Informationsveranstaltung bekannt geben, wo wir allen Betroffenen gesammelt Rede und Antwort stehen können.

Eine Stellungnahme zu den gestrigen Vorfällen folgt.

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